Dieses Sprüchlein hab ich früher oft von meiner Mutter gehört. Anfang Mai, wenn es schon warm und sonnig war und der Flieder die ersten Knospen öffnete, hat sie immer sämtliche Gardinen und Vorhänge gewaschen, die Blumentöpfe aus den Fensterbänken geräumt und alles picobello sauber geputzt. Noch gründlicher als sonst. Pünktlich zu ihrem Hochzeitstag am 15. strahlte dann alles in neuem Glanz. Aber nicht nur das Zuhause: Natürlich wurden auch rechtzeitig die Haare frisch gefärbt und etwas Schickes zum Anziehen raus gelegt – auch für Papa. Denn er wusste, dass sie immer ein gutes Händchen und Geschmack für die richtige Auswahl hatte.
1971 war für die beiden wahrscheinlich der schönste Mai – frisch verliebt, das erste Töchterchen bereits unterwegs, sie 21, er 28 Jahre jung, ein großer Freundeskreis und ein rauschendes Fest mit der ganzen Familie. Und wie es der Mai versprochen hatte, änderte sich bald vieles: Ein eigenes Haus mit großem Garten, ein glückliches Leben zu zweit (und später zu viert) hatte der Wonnemonat ihnen buchstäblich prophezeit – und nicht zu viel versprochen. 2012 machte der Mai dann wieder alles neu. Leider. Knapp 3 Wochen nach der Gardinenwäsche und 2 Wochen nach dem Hochzeitstag erlitt mein Vater gleich zwei Schlaganfälle. Das änderte alles.
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